Was mich dazu geführt hat, heute diese Arbeit zu machen?

Zu sensibel für diese Welt

Unsere Geschichten, die wir erlebt haben, machen uns zu dem Menschen, der wir heute sind. Als kleines Mädchen und auch als Jugendliche habe ich von meinen Eltern immer wieder gehört, ich sei zu sensibel, zu empfindsam. Wenn ich in der Welt überleben wolle, würde ich damit nicht weit kommen. Ich müsse mir ein dickeres Fell anlegen.

Hätte man mir damals erzählt, dass meine Sensibilität und meine Berührbarkeit mein Potential sind, und dass darin ein Schatz verborgen liegt, hätte ich es nicht geglaubt. Mitgefühl ist der Boden, auf dem ein Raum entstehen kann, in dem sich Menschen geschützt, gefühlt und wahrgenommen fühlen, indem sie spüren, dass sie so sein dürfen, wie sie sind. Aber dazu später mehr …

Unsere Kindheit ist voll mit Situationen, die uns prägen. Situationen, die wir erleben oder auch nur als Außenstehende beobachten. Dazu zählen Situationen, die alltäglich und unbedeutend erscheinen, genauso wie Situationen, die auf uns traumatisch wirken. All diese Situationen werden von uns interpretiert und bewertet, woraus sich unsere Welt- und unsere Selbstbilder kreieren. Sie bilden die Brillen, durch die wir die Welt, andere Menschen und uns selbst wahrnehmen. Vor allem die Interpretationen und Bewertungen der Situationen, die sehr starke Gefühle bei uns ausgelöst oder sich oft wiederholt haben, brennen sich besonders stark in unser System ein.

Immer wieder zu hören, dass ich zu sensibel und zu empfindsam sei, war natürlich nur eine von vielen Situation, die mich geprägt hat. Neben den Botschaften, die ich teilweise bewusst, teilweise aber auch unbewusst daraus zog, wie dass die Welt ein gefährlicher Ort sei, in der man sich vor anderen Menschen wappnen und schützen muss, dass ich so wie ich bin, nicht richtig bin und anders sein sollte, prägte sich bei mir vor allem auch die Überzeugung ein, dass Gefühle etwas sind, was man besser vermeidet.

Wer bringt uns bei mit unseren Gefühlen umzugehen

So wie die wenigsten Menschen in unserer Gesellschaft, hatten auch meine Eltern keine Vorbilder, von denen sie lernen konnten mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Sie reagierten auf meine Gemütsregungen im Endeffekt genauso, wie die meisten Eltern darauf reagieren. Es war für sie schwer auszuhalten, wenn ich traurig oder zornig war. Wie die meisten Eltern, versuchten auch sie, bei mir solche Gefühlsregungen so schnell wie möglich wieder ins Angenehme zu wandeln. Ebenso waren sie selbst damit beschäftigt, so wie fast alle Menschen in unserer Gesellschaft, ihre Gefühle so gut wie möglich runterzudrücken und runterzuschlucken, um die anderen Menschen in ihrem Umfeld nicht damit zu belasten. Mehr und mehr verfestigte sich in meinem System, die Überzeugung, dass es das normalste der Welt ist, seine Gefühle wegzudrücken.

Die Angst vor unseren Gefühlen macht uns instabil

Viele Klienten haben mir erzählt, dass Gefühle in den Branchen, in denen sie arbeiten und auch in ihren Familien ein absolutes Tabu sind. Gerade in der Arbeit haben viele Menschen Angst davor, dass man sie aufgrund ihrer Gefühlsregungen als schwach abstempeln könnte. Sie haben Angst, dass jemand merken könnte, dass sie berührbar oder gar verletzbar sind. So sind sie vor allem auf der Arbeit damit beschäftigt, Situationen zu vermeiden, in denen sie das Gefühl haben, keine Kontrolle über ihre Gefühle zu haben und ihre Gefühle zu verstecken. Einen stabilen Eindruck, macht man jedoch selten, wenn man versucht etwas aus Angst zu vermeiden oder zu verstecken, oder besorgt ist, was andere über einen denken könnten. Seine Gefühle zu unterdrücken, scheint bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht wirklich erstrebenswert, ebenso wenig erstrebenswert wie eine gefühlslose Maschine zu sein, die aufgrund ihrer Abstumpfung die Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen kann. Denn wenn wir unsere eigenen Gefühle nicht wahrnehmen, dann können wir auch andere Menschen und ihre Gefühle nicht wahrnehmen. Dadurch werden Beziehungen mit anderen Menschen schwierig und Konflikte sind vorprogrammiert.

Im Vergleich dazu wirkt ein Mensch, der keine Angst vor seinen Gefühlen und seinen Gefühlsregungen hat, viel stabiler. Ist es dann nicht viel erstrebenswerter, seine Angst vor seinen Gefühlen zu verlieren, Gefühle zulassen und fühlen zu können und davon unabhängig zu werden, was andere Menschen von einem denken und wie sie einen bewerten. Irgendwann wird einem dann auch klar, dass wie andere Menschen uns bewerten nichts über uns, sondern immer nur über die andere Person aussagt. Sich das zu denken, ist eine Sache, das zu fühlen und verinnerlicht zu haben, ist natürlich eine andere Sache.

Irgendwann kollabiert das System

Bis ich Anfang 20 war klappte es noch einigermaßen mit dem Gefühle-Wegdrücken. Bis dahin hatte ich schon eine Menge runtergedrückt. Alle möglichen unangenehmen Erlebnisse und Erfahrungen aus Kindheit und Jugend, hatte ich runtergedrückt, anstatt sie zu verarbeiten, geschweige denn jemals mit jemandem darüber geredet zu haben. Wie viele von uns, hatte auch ich gelernt, die Dinge, die mich belasten, mit mir alleine auszumachen, mich zusammenzureißen und meine Gefühle runterzuschlucken. … plötzlich funktionierte das aber nicht mehr. Ich trug so viele unverarbeitete Erfahrungen und unterdrückten Gefühle mit mir herum, dass mein System völlig überlastet war. Ich konnte nicht mehr ausblenden, wie unwohl ich mich in mir fühlte. Ich fühlte mich unsicher, ängstlich, konnte mich nicht leiden, fühlte mich schwach und nicht liebenswert … Ich konnte diese Gefühle und Gedanken nicht mehr ausblenden. Mir wurde bewusst, dass ich keine Nähe zu lassen konnte aus Angst verletzt zu werden. Mir fehlte das Vertrauen in das Leben und auch in mich selbst. Es fühlte sich an, als könne ich mich selbst nicht aushalten. Es war als würde meine Seele schreien. Ich fühlte mich meinen Gefühlen ausgeliefert, schutzlos ausgeliefert. Ich hatte so viel unterdrückt, dass es mir regelrecht um die Ohren flog. Es fühlte sich so an, als könne ich die Gefühle, die hochschossen, nicht aushalten, ich dachte, ich ertrage sie nicht, dass ich dafür einfach nicht stark genug sei. Heute weiß ich, dass diese Reaktion vollkommen normal und gesund war. Es war die logische Konsequenz die darauf folgte, dass ich so lange so viel unterdrückt hatte. Wenn wir unsere Gefühle und Erlebnisse immer wieder wegdrücken, wegschauen und nicht verarbeiten, kriegen wir irgendwann die Rechnung. Vielleicht haben wir immer wieder Probleme und Konflikte mit anderen Menschen, fühlen uns immer wieder von Situationen oder Menschen getriggert, fliegen uns unsere Gefühle um die Ohren oder aber unser Körper zeigt uns, dass bei uns etwas nicht in Ordnung ist, indem wir zum Beispiel krank werden.

Sein Problem zu verstehen ist nicht die Lösung

Mit Anfang 20 kam ich relativ früh an dem Punkt an, an dem ich merkte, dass es so nicht weitergehen kann und das nicht der Weg sein kann. Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt nur, dass das, was ich bisher gemacht hatte, nicht mehr funktioniert, aber nicht, wie ich stattdessen mit mir und meinen Gefühlen klar kommen sollte. Das einzige was mir blieb, war, mich auf die Suche zu machen. Ich studierte damals Lehramt. So durchsuchte ich zunächst die Psychologieunterlagen aus meinem Studium nach Antworten. Ich verschlang verschiedenste Psychologiebücher, um zu verstehen, was mit mir los war. Tatsächlich hatte ich auch nach kurzer Zeit meine Probleme perfekt analysiert. Ich verstand, warum ich mich so fühlte wie ich mich fühlte. Es war nachvollziehbar und logisch, dass ich mich so fühlte, wie ich mich fühlte.  Das Problem war nur, dass ich jetzt zwar genau wusste, warum ich mich so fühle, wie ich mich fühlte, es mir aber nicht weiter half. Ich fühlte mich trotz dieses Wissens immer noch genauso beschissen wie vorher. Das Verstehen hatte meine Gefühlslage kein bisschen verändert. Die Suche ging weiter. Inzwischen war mir jedoch klar, dass ich niemanden suche, der mit mir meine Probleme analysiert oder nochmal mental mit mir durchkaut. Ich war auf der Suche nach jemanden, der mir hilft, mich anders zu fühlen.

Die Türen öffneten sich zu einer neuen Welt

Durch Glück landete ich auf meiner Suche auf einem Persönlichkeitsentwicklungs-Workshop. Dieser Workshop war ein Geheimtipp. Und tatsächlich eröffneten mir meine Erfahrungen dort die Türen zu einer neuen Welt. In dem Workshop ging es um Mitgefühl. Die Übungen und die Techniken und Methoden, die ich dort lernte, halfen mit mehr und mehr meine Angst vor meinen Gefühlen loszulassen, mich und meine Gefühle zu spüren und auch die Gefühle von anderen Menschen zu spüren, Gefühle wie Ängste, Trauer, Wut, Enttäuschung, Verletzung, Schuld oder Scham. Das Gefühl meinen Gefühlen gegenüber ausgeliefert und machtlos zu sein, ließ immer mehr nach. Ich lernte den Umgang mit Gefühlen, das Fühlen von Gefühlen. Ich lernte dort das, was ich nicht in der Schule, nicht im Berufsleben, nicht in der Gesellschaft und schon gar nicht von meinen Eltern oder Großeltern hätten lernen können, da auch sie keine Vorbilder hatten, von denen sie es hätten lernen können.

Dieser Workshop war nur der Anfang. Weitere Persönlichkeitsentwicklungs-Workshops folgten. Workshops, in denen es um Gefühle und Mitgefühl ging, um Intuition, um Selbstbildpsychologie, oder auch darum, wie man sich von hinderlichen Glaubenssätzen und Mustern befreit. Mit den Persönlichkeitsentwicklungsseminaren veränderten sich meine Sichtweise mir selbst gegenüber, anderen Menschen gegenüber, der Welt und dem Leben gegenüber. Die Welt wurde für mich friedlicher und sicherer. Ich wurde stabiler und stärker.

Neue Weichen stellen

Parallel wurde für mich immer deutlicher, dass ich nicht als Lehrerin arbeiten möchte. Was mich faszinierte war Lernen im Sinne von Verhaltensveränderung. Mein Interesse an der Welt der Gedanken, der Gefühle, der Überzeugungen, der Wahrnehmung, der Entwicklung, der Prägung, an Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmustern war nicht mehr zu stoppen. So wechselte ich mein Studienfach zu Diplom Pädagogik. Schon während meines Studiums begann ich im Coaching und Seminarbereich verschiedener Firmen und Bildungsträger zu arbeiten.  Nachdem ich an eigenem Leib und der eigenen Seele erfahren hatte, wie veränderbar unser Zustand, unser Empfinden und unsere Haltung ist, und ich beobachten konnte, wie es mir mithilfe verschiedener Techniken und Methoden mit mir selbst, meiner Welt und auch mit anderen Menschen stetig besser ging, ließ mich der Bereich der Persönlichkeitsentwicklung nicht mehr los. Die Persönlichkeitsentwicklung wurde zu einem wichtigen und auch nicht mehr weg denkbarem Teil von mir. Ich nutzte fast jedes freie Wochenende, um Workshops zu besuchen oder mich mit Freunden zu treffen, um an den eigenen Themen zu arbeiten oder um gelernte Methoden und Techniken zu trainieren. Methoden und Techniken zum Loslassen von Gefühlen, Glaubenssätzen und Überzeugungen, zum Bearbeiten von Gefühls-, Gedanken- und Verhaltensmustern, Zuständen, Traumata und Prägungen.

Inzwischen ist der erste Workshop, der mir die Tür zu dem Bereich der Persönlichkeitsentwicklung geöffnet hat, 14 Jahre her. Viel ist seit dem passiert. Nachdem ich mein Diplom Pädagogik Studium mit dem Bereich Erwachsenenbildung sehr erfolgreich abgeschlossen hatte, viele Seminare und Workshops besucht habe, um Erfahrungen zu sammeln und Handwerkszeug zu erlernen, habe ich eine Ausbildung zur Kursleiterin für Stressbewältigung und Burnout-Prävention, sowie den Heilpraktiker für Psychotherapie, eine Ausbildung zum Birth-into-Being-Fascilitator, zum EMDR-Therapeuten und zur körperorientierten Psychotherapie absolviert.

Werden, wer wir sind

Mein Leben war für mich oft sehr herausfordernd und der Weg war nicht immer leicht. Jedoch hat mich alles was mir begegnet ist und was ich erlebt habe, zu der Person gemacht die ich heute bin. Wäre ich mit anderen Dingen konfrontiert gewesen und wäre ich einen anderen Weg gegangen, würden mich heute vermutlich andere Dinge faszinieren und mein Herz und meine Seele würden für andere Dinge brennen. Heute kann ich erkennen, dass meine Sensibilität, mein Mitgefühl, meine Fähigkeit Gefühle wahrzunehmen, den Boden dafür legen, andere Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, sie selbst zu sein, sich zu dem Menschen zu ent-falten und zu ent-wickeln, der sich in seiner Haut wohlfühlt und sich so annimmt, wie er oder sie ist.

Hanna Schröder